Dr. Nina Winter, Meike Spiekermann und Dr. Arlo Radtke
23. Januar 2019

Hoffnung für Krebspatienten aus Bremen

Zwei Frauen und ein Meilenstein in der Hodenkrebsbehandlung

Zwei Bremerinnen könnten schon bald die Hodenkrebsbehandlung entscheidend verbessern. Mit ihrem Start-up miRdetect gehen sie dafür seit Jahren durch zahlreiche Höhen – und Tiefen.

„Medizintechnik ist so ziemlich das Schwierigste, was man als Start-up machen kann.“ Wenn Meike Spiekermann Sätze wie diesen sagt, lacht sie laut. Und ihre Mitgründerin, Dr. Nina Winter, stimmt mit ein. Man könnte es für Galgenhumor halten, aber wer die beiden Frauen näher kennenlernt, merkt: Sie haben einfach wahnsinnig gute Laune, sind mit Spaß bei der Sache.

Sie blicken auf sechs bewegte Jahre zurück. 2013 stellten sie den ersten Förderantrag für ihr revolutionäres Produkt, 2016 konnten sie mit dem Start der miRdetect GmbH endlich eine Gesellschaft gründen, jetzt die Finanzierung für den Schlusssprint sichern. Dazwischen liegen Jahre der Selbstständigkeit mit vielen Höhen und Tiefen, mit Frustration und Glücksmomenten.

 

Neuer Goldstandard für Hodenkrebs-Erkennung

Aber der Reihe nach: Die beiden Biologinnen lernten sich im ehemaligen Zentrum für Humangenetik der Universität Bremen kennen. Seit 2011 forschte Meike Spiekermann dort gemeinsam mit dem Bremer Wissenschaftler und Humangenetiker Dr. Gazanfer Belge in Kooperation mit dem Hamburger Urologen Prof. Klaus-Peter Dieckmann an einem neuartigen Marker für Hodenkrebs.

Und dieser Marker hat es in sich. Marker sind Substanzen, die auf Krebs im Körper hinweisen. In diesem Fall ist es ein Molekül, das der Hodenkrebs an das Blut abgibt. „Bisherige Marker haben eine Genauigkeit von ca. 50 Prozent, mit dem von uns entwickelten patentgeschützten Messverfahren schafft der neue Marker 90 bis 95 Prozent“, sagt Winter. Eine Zahl, die ihnen große Resonanz in der Fachwelt einbrachte. „Ärztinnen und Ärzte rennen uns regelmäßig die Bude ein, fragen ungeduldig, wann es den neuen Test endlich gibt“, ist Winter begeistert.

 

Eine gute Idee allein reicht nicht

Aus den Forschungsergebnissen ein marktfähiges Produkt zu machen ist in der Medizin jedoch alles andere als einfach – das mussten Winter und Spiekermann in den vergangenen Jahren feststellen. Denn so überzeugend ihr Produkt medizinisch auch war, fiel es ihnen schwer, Investoren zu finden.

Medizintechnikprodukte brauchen oft mehrere Jahre, bis sie reif für die Zulassung sind. Zeit, in der viel Geld und Arbeit in die Produktentwicklung fließt, ohne Umsätze zu erzeugen. Das schreckt viele Investoren ab.

„Zudem ist Hodenkrebs selten, es gibt in Deutschland circa 4.000 Fälle pro Jahr. Ein neues Produkt für eine kleine Zielgruppe zu entwickeln, ist sehr risikoreich“, sagt Spiekermann.

 

Meike Spiekermann im Labor
Meike Spiekermann zeigt die Funktionsweise des neuen Bluttests für Hodenkrebs © Starthaus/Frank Pusch

Vom Scheitern – und wieder aufstehen

2013, zu Beginn ihrer Reise, konnten sie Mittel aus dem EXIST-Forschungstransfer für sich gewinnen, das Gründungen aus Hochschulen unterstützt. In 2016 wurde für ein Jahr die Föderphase II des Programms bewilligt. Die Anschlussfinanzierung durch private Investoren 2017 scheiterte dann jedoch vorerst – aus verschiedenen Gründen.

„Die Suche hat uns viel Zeit gekostet, es ging monatelang nur langsam weiter“, erinnert sich Winter. „Das ist auch persönlich schwer, als Selbstständige hat man ja sonst kein Einkommen. Man braucht gute Unterstützung und die richtige Motivation, um durchzuhalten.“ Das bestätigt auch Spiekermann: „Wir konnten ja nicht einfach aufhören, wir haben eine Verantwortung gegenüber den Ärztinnen und Ärzten, die auf das Produkt warten“, argumentiert die 33-Jährige leidenschaftlich. „Aber es gab immer Menschen, die an uns geglaubt haben, die uns in dieser Zeit geholfen haben, das war unheimlich wichtig.“

 

Mehr Frauenpower in der Medizin

Rückschläge, die nicht immer nur unternehmerischer Natur waren. So berichten sie, dass ihnen zu Anfang ihrer Gründung empfohlen wurde, unbedingt einen älteren, grauhaarigen Mann in die Geschäftsführung aufzunehmen, um bei diesem männlich besetztem Thema mehr Chancen bei Investoren zu haben. „Da haben wir nicht mitgemacht und siehe da, es hat trotzdem funktioniert!“, so Spiekermann selbstbewusst. Wer die beiden kennenlernt, merkt schnell: Sie lassen sich nicht unterbuttern.

In Bremen fanden sie auch Hilfe bei der BAB – Förderbank für Bremen und Bremerhaven. Zusammen mit dem High-Tech Gründerfonds Deutschland und einer privaten Investorin ist die Förderbank über die Beteiligungsgesellschaft der BAB mittels des EFRE-Beteiligungsfonds Bremen Ende 2018 in das junge Unternehmen eingestiegen. „Die Kommunikation ist wunderbar unbürokratisch, das hat uns sehr gefallen, wir haben quasi drei neue Mütter bekommen“, erzählt Winter lachend und spielt damit auf ihre jeweiligen Ansprechpartnerinnen bei dem Investorenkonsortium an. Das Geld sichert die letzte Entwicklungsphase bis zur endgültigen Marktreife.

 

miRdetect Bluttest
Der neue Bluttest spart Kliniken viel Geld, da sie weniger Tests durchführen müssen, um zu einem eindeutigen Ergebnis zu gelangen. © Starthaus/Frank Pusch

Blindes Vertrauen in die Fähigkeiten der Anderen

Eine Leistung, deren Erfolg auch in der Persönlichkeit der beiden Gründerinnen liegt. Die beiden vertrauen sich blind. „Wir kannten uns damals kaum, aber es hat einfach gepasst. Heute wissen wir: Jede entscheidet so, wie die andere auch entscheiden würde, wir wollen beide dasselbe“, sagt Winter. Sie funken auf einer Wellenlänge.

Ein Dreamteam, in das sie viel Arbeit steckten. „Wir haben oft miteinander darüber geredet, wie wir arbeiten wollen, wie wir unsere Ziele erreichen. Und wenn wir gemerkt haben, es läuft einmal nicht, dann haben wir den Stift fallen lassen und sind ein Eis essen gegangen, um uns auszudiskutieren“, erinnert sich Spiekermann lachend.

Neben den beiden Gründerinnen sind Professor Klaus-Peter Dieckmann aus Hamburg und Dr. Gazanfer Belge aus Bremen als medizinisch-biologische Berater an Bord sowie zwei weitere Experten im Bereich des Managements.

 

Arbeitsplätze im Land Bremen schaffen

Mit ihnen sind die beiden Gründerinnen, deren Büro im Bremer Technologiezentrum BITZ liegt, 2019 auf der Zielgeraden. Mit dem Biologen Dr. Arlo Radtke beschäftigen sie seit Januar ihren ersten Angestellten, im Laufe des Jahres folgen weitere. Sie bauen dann in Bremerhaven ein Produktionslabor auf, wo der Bluttest hergestellt wird, mithilfe dessen Ärztinnen und Ärzte in Labors den Hodenkrebs nachweisen lassen können.

Für die beiden Frauen geht dann an ein Traum in Erfüllung. „Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, als Angestellte zu arbeiten, auch wenn meine jetzige Arbeit nur noch wenig mit medizinischer Forschung und viel mit Geschäftsführung zu tun hat“, bekräftigt Winter. Das sieht auch Spiekermann ähnlich. „Wir werden tagtäglich in kalte Wasser geworden“, sagt die 33-jährige. „Das Wunderbare ist aber, dass man aus seinen Fehlern lernen kann und etwas Großartiges entsteht.“ Der endgültige Marktstart ist für den Ende 2019 vorgesehen.


Ein weiteres Medizintechnikstart-up aus Bremen ist Purenum – das einen revolutionären Kleber für Nierensteine entwickelt hat.

An einer Gründung interessiert? Schreiben Sie uns gern eine Mail an info@starthaus-bremen.de oder rufen Sie uns unter +49 (0)421 9600 372 an, wenn Sie Fragen zu Ihrer Gründung(sidee) haben. Wir haben die Antworten.

 

Bild oben: Junges Team: Dr. Nina Winter, Meike Spiekermann und Dr. Arlo Radtke © Starthaus/Frank Pusch