Antje Heuer in ihren eigenen Entwürfen
8. März 2021

Gründen Frauen anders?

Frauen gründen seltener Startups als Männer. Warum ist das so? Ein Gespräch mit drei Expertinnen aus Bremen mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.

Bei den Startups – also Gründungen in einem innovativen, digitalen oder technischen Umfeld – sind Frauen nach wie vor in der Minderheit. Während in Bremen der Frauenanteil bei klassischen Gründungen bei mittlerweile 40 Prozent liegt und steigt, sind es bei den Startups rund 15 Prozent.

Das liegt einerseits daran, dass Frauen seltener natur- und ingenieurwissenschaftliche Studiengänge absolvieren und somit auch seltener in diesen Feldern gründen. Aber die Ausbildung ist nicht der einzige Faktor. Wir haben uns mit Monique Veeser und Imke Lorenzen vom Starthaus unterhalten. Sie kümmern sich um den neuen Schwerpunkt „Starthaus Women“, der frauengeführte Gründungen stärkt. Außerdem dabei: Antje Heuer. Die Gründerin hat sich 2017 mit der „Fadenfactory“ selbstständig gemacht und arbeitete zuvor lange Zeit als Managerin im Personalwesen der Luft- und Raumfahrtbranche.

 

Imke, Monique – fangen wir gleich mit der Eingangsfrage an: Gründen Frauen anders?

Imke Lorenzen: Ja. Sie gründen überproportional in den Geisteswissenschaften, den Künsten, im Grafikdesign, bei Sozialem und bei Themen mit gesellschaftlicher Relevanz. Sie sind zudem oft konservativer im Umgang mit Finanzmitteln, nutzen seltener Darlehen, gründen häufiger allein und in Teilzeit.

Monique Veeser: Bei Startup-Gründerinnen fehlt es oft an Selbstbewusstsein und an Vorbildern. Im Technologiebereich gibt es nicht viele weibliche Gründerinnen, die so bekannt sind und gehypt werden wie ein Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg. Auch wenn es diese Frauen durchaus gibt, wie zum Beispiel die britische Unternehmerin Stephanie Shirley, die schon in den 60ern in der Softwarebranche gründete. Sie sind einfach nur nicht bekannt.

Es gibt aber auch unterschiedliche Sozialisierungen in den Generationen. Gerade die heranwachsende Generation junger Frauen wird in einem Umfeld groß, in dem stereotypische Rollenbilder aktiv entgegengewirkt werden. Ich bin hoffnungsvoll, dass sich in zehn, zwanzig Jahren einiges ändern wird.

 

Antje – du hast dich selbstständig gemacht und zuvor in einer männerdominierten Branche gearbeitet. Kannst du das so aus deinen Erfahrungen bestätigen?

Antje Heuer: Ja. Ich bin am Anfang in die gleiche Falle getappt wie viele andere Frauen. Ich habe mich ständig gefragt: Ist das denn gut genug? Braucht die Welt meine Idee? Diese Frage stellen sich Männer einfach nicht. Sie sagen einfach: „Ich bin super, ich hab eine tolle Idee und das läuft!“

Im Bekanntenkreis hat sich ein Mann parallel mit mir selbstständig gemacht – und der hat richtig aus dem Vollem geschöpft. Hat Millionenpläne geschmiedet. Da habe ich mich natürlich gefragt: Mach ich mich zu klein? Bin ich zu bescheiden? Mit dem Wissen von heute weiß ich: Nein, das war richtig, erst im Kleinen zu schauen, was funktioniert.

Aber: Viele Frauen sind zu vorsichtig. Viele haben Angst davor, einen Businessplan zu schreiben, ihn zu präsentieren und zu sagen: Ja, dies ist meine Idee und ich brauche jetzt dieses Geld von euch, weil meine Idee super ist! Da fehlen Frauen der Mut und die Erfahrung.

 

Wie können Frauen diesen Mut erlernen? Braucht es da noch weitere Angebote und Rahmenbedingungen?

Antje Heuer: Was Frauen fehlt, ist das Netzwerk. Frauen sind oft alleine mit ihren Fragen und Bedenken. Man hat einfach Angst am Anfang und damit muss man irgendwo hin – da hilft es, wenn man jemanden kennt, der oder die das auch schon durchlebt hat. Die eigenen Freunde, die im Angestelltenverhältnis arbeiten, verstehen das nicht unbedingt. Gründen ist auch eine emotionale Sache, man lernt sich ganz neu kennen, man kann niemanden mehr die Schuld in die Schuhe schieben.

Monique Veeser: Frauen brauchen mehr Empowerment und dafür ist das Netzwerk da. Besonders am Anfang. Daran arbeiten wir gerade im Starthaus. Mit dem „Starthaus Women“ speziell für Frauengründungen und dessen Schwerpunkt „she starts“ für Startups, also innovative und wachstumsstarke Unternehmen. Wir haben eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, bauen für angehende Gründerinnen eine Community auf und starten in diesem Jahr mit unserem Intensivprogramm Female Open Innovation Cycle FOIC.

Imke Lorenzen: Viele erfolgreiche Gründerinnen möchten gerne etwas zurückgeben. Sie wissen: Der Austausch mit Gleichgesinnten hat sie sehr viel weiter gebracht. Frauen können sich gegenseitig bestärken in einer Gemeinschaft, wenn diese beruflich fokussiert ist und nicht rein privat.

 

Wie wichtig ist es, dass Frauen in Frauennetzwerken aktiv sind? Oder sollen sie besser versuchen, in die männlich dominierten Netzwerke hereinzukommen?

Antje Heuer: Beides ist wichtig. Man kann viel lernen von Männern, wie die sich organisieren und ihre Seilschaften bilden. Man braucht aber auch ein reines Frauennetzwerk, weil man sonst, wenn man als Frau noch nicht das große Ego hat, auch schnell untergehen kann und eingeschüchtert wird.

Imke Lorenzen: Das haben wir auch in Gesprächen so erfahren. Fachlicher Austausch im gemischten Netzwerk ist gut, auf der anderen Seite braucht man ein Frauennetzwerk, was einen bestärkt und Empathie entgegenbringt. Wir versuchen beides zu liefern – einerseits über das Gründungsökosystem Bremen. Andererseits wollen wir aber auch einen geschützten Raum schaffen, ohne dass man das Gefühl hat, dass jemand die eigenen Schwächen ausnutzt.

Antje Heuer: Männer und Frauen kommunizieren da unterschiedlich. Wenn man sich als Frau hinstellt und sagt: „Ich glaube, ich habe hier alles falsch gemacht und fühle mich grade als Versager“ – das kommt in einem Männernetzwerk selten vor. Da braucht man eine Gruppe von Gleichgesinnten.

Monique Veeser: Das ist natürlich auch abhängig von den Themenfeldern. Die Raumfahrt ist eine starke Männerdomäne aber in anderen Bereichen sind die Frauen auch in der Überzahl oder es gibt diverse Strukturen – da sind einseitige Netzwerke als Gegengewicht vielleicht weniger nötig. Wir wollen im Starthaus ja auch niemanden ausschließen – wir wollen Gesprächsangebote machen und dabei auf Bedürfnisse eingehen.

 

Imke Lorenzen und Monique Veeser im Starthaus
Für mehr Frauenpower bei den Startups: Imke Lorenzen und Monique Veeser © Starthaus

 

Viele Frauen gründen in ihren 30ern – gerade dann, wenn auch die Familienplanung ansteht. Wie sehr ist das heute noch ein Hindernis für Gründerinnen?

Imke Lorenzen: Viele Erfahrungen aus dem Starthaus haben gezeigt: Die Vereinbarkeit von Familie und Gründung kann ein Hindernis sein. Oft müssen Frauen sich um die Kinder kümmern, unabhängig von der Lebenssituation. Gesellschaftlich bestehen alte Rollenmuster weiter und viele Frauen lassen sich dann in diese Rollenmuster hineindrängen und machen sich kleiner, als sie sind.

 

Wie war das für dich Antje?

Antje Heuer: Ich war angestellte Managerin, als ich schwanger wurde – und wollte nach der Geburt in Teilzeit weitermachen. Aber das ließ sich nicht mit dem Unternehmensalltag vereinen. Ich hätte mir mehr zeitliche Flexibilität gewünscht. Mit der Selbstständigkeit ging das besser, da ich viel flexibler bin als zuvor.

Ich liebe das, was ich mache, das fühlt sich nicht wie Arbeit an. Das merken die Kinder natürlich auch. Ich würde es daher immer wieder so machen. Aber: Es führt auch zu Selbstausbeutung, weil ich jetzt natürlich nachts, an Sonntagen oder Feiertagen arbeite, um das nachzuholen, was ich bei der Kinderbetreuung aufschiebe. Selbstständigkeit ist ein Vollzeitjob. Sich Grenzen zu setzen ist schwer, gerade am Anfang.

Imke Lorenzen: Als Selbstständige hört es nie auf, man hat keine Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Das bekommen die Kinder natürlich auch mit, kann aber auch sehr positiv sein. Sie sehen das auch als Lebensweg.

 

Antje – zuletzt noch eine Frage: Wie hat das Starthaus dir bei der Gründung geholfen?

Antje Heuer: Für mich war die größte Hürde die Unsicherheit. Wenn ich in die Selbstständigkeit gehe, ist das erstmal ein finanzieller Rückschritt. Kann ich mir das mit meinem Lebensstandard überhaupt leisten? Dafür muss man bereit sein und muss Kompromisse machen. Hinzu kommt das unternehmerische Risiko.

Das Starthaus war da für mich auch ein kleiner Test. Weil ich denen meine Idee vorstellen musste – das konnte ich als eine sehr gute Übung nutzen, wie ein Prüfstand für meine Idee. Und im Nachhinein für mich auch ein Push: „Wenn die sagen, dass das gut ist, dann hat mein Vorhaben auch Hand und Fuß.“

 

Imke und Monique – wie glaubt ihr, kommen wir zu mehr erfolgreichen Beispielen wie Antje? Gerade auch bei Startups?

Imke Lorenzen: Man kann natürlich nicht den Schalter umdrehen – Gründerinnen wachsen nicht auf Bäumen. Man muss schon früh ansetzen, in der Schule und bei der Wahl des Studiums Mädchen gezielt fördern. Zum Beispiel über Schülerinnenfirmen. Da sind Schülerinnen oft sehr engagiert dabei.

Monique Veeser: Hinzu kommt dann unsere Arbeit mit dem Programm „she starts“. Wir schaffen bedarfsgerechte Angebote, sensibilisieren und unterstützen. Ein Beispiel ist etwa der Female Open Innovation Cycle, der sich gezielt an Startup-Gründerinnen richtet. In diesem entwickeln Gründerinnen im gemeinsamen Austausch innerhalb von drei Monaten zielgerichtet ein valides Geschäftsmodell. Zusätzlich bietet der FOIC Module, die die persönliche Entwicklung als Startup-Gründerin unterstützen sowie ein Netzwerk aus Mentor:innen und potentiellen Investor:innen. Darüber hinaus stärken wir die Bremer Gründerinnen mit Workshops, Veranstaltungen, Beratung und Netzwerkarbeit. Die Kombination macht es am Ende.

 

Antje, Monique, Imke, vielen Dank für das Gespräch!


An einer Gründung interessiert? Schreibt uns gern eine Mail an info@starthaus-bremen.de oder ruft uns unter +49 (0)421 9600 372 an, wenn ihr Fragen zu eurer Gründung(sidee) habt. Wir haben die Antworten.

 

Bild oben: Elegant mit ein bisschen Hippie-Einschlag: Die Kreationen von Antje Heuer zum Selbstnähen © Fadenfactory