Marktplatz und City
18. Januar 2019

Was diese sechs Gründerinnen und Gründer nach Bremen zog – und hier hält

Sechs Gründerinnen und Gründer erzählen, warum sie die Hansestadt dem deutschen Start-up-Mekka Berlin vorziehen.

Wer ein Unternehmen gründet, lebt für seine Idee. Kein Weg zu weit, keine Hürde zu hoch – Gründerinnen und Gründer brennen für ihre Vision.

Wir haben sechs Gründerinnen und Gründern durch ihre Höhen und Tiefen begleitet. Denn selten verläuft eine Gründung geradlinig, Ups and Downs gehören zu jedem Start-up wie die Mettwurst zum Grünkohl. Womit wir auch schon beim zweiten Thema wären: Es muss nicht immer Berlin sein. Warum sich diese sechs Gründerinnen und Gründer bewusst für Bremen entschieden haben und was sie hier hält, erzählen sie uns selbst:

 

Christoph Schotter, 46, Trasty

Gründer von Trasty: Oliver Rechner und Christoph Schotter (v.l.) © Trasty

Christoph Schotter ist alles andere als grün hinter den Ohren. Der 46-jährige hat 2017 in Bremen Trasty gegründet, sein zweites Start-up. Das erste gründete der Würzburger 2010 in seiner Heimatstadt, eine IT-Agentur, die Webservices für die Reisebranche entwickelte. Davon trennte er sich, um mit Trasty seine Vision einer Online-Reiseplattform zu verwirklichen.

„Berlin ist unüberschaubar. Viele Start-ups konkurrieren um Aufmerksamkeit, die Gefahr unterzugehen ist groß. In Bremen bewegt sich viel, es gibt gute Initiativen und Events. Die Stadt liegt zentral und hat eine funktionierende Infrastruktur.“ In Bremen nimmt der gelernte Kaufmann an Pitching-Events teil oder ist in Netzwerken wie den Business Angels aktiv, um neue Kontakte zu knüpfen.

Er ist einer, der weiß, wie es geht. Selbstsicher, auch wenn es um große Themen geht. Seine Social-Media-Reiseplattform Trasty hat nur Erfolg, wenn sie schnell wächst und größere Netzwerke seine Idee nicht abkupfern. Vor Facebook, Instagram und Co. hat er jedoch keine Angst. „Ich habe von Anfang an auf Investoren gesetzt, gemeinsam wollen wir schnell groß werden“, erklärt er seine Strategie. Auch deshalb ist er nach Bremen gekommen, um von Förderungen wie dem EFRE-Beteiligungsfonds des Starthauses zu profitieren.

Seinen Alltag hat er dynamisch organisiert. Schotter gründet und führt sein Unternehmen vom Coworking-Space weserwork aus. Mobilität ist für ihn seine Selbstverständlichkeit. „Mein Unternehmen ist, wo mein Laptop ist!“ Sattelfest, aber nicht festgesattelt – eine gute Beschreibung.

Für Gründer hat er einen wichtigen Tipp parat: „Versucht nicht, aus eigenen Umsätzen zu wachsen! Dann überholen euch andere, die mit besseren Finanzmitteln ausgerüstet sind“, so Schotter. Den richtigen Investor zu finden, sei gerade in der IT-Wirtschaft essentiell.

 

Esteban Bayro-Kaiser, 35, Wearhealth

Arbeiter mit Smart Watch
So sieht der Arbeiter 4.0 aus – mit Smart Watch © WearHealth

Von sich sagt Esteban, dass er überall aufgewachsen sei. Der Vater ein Deutscher, die Mutter Bolivarin, studierte der heute 35-jährige in Chile, bevor er nach Deutschland kam, um im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu promovieren. Eine Weltgewandtheit, die sich in seinen Ambitionen wiederfindet. Mit seinem Start-up Wearhealth will er zu den Top 5 der Wearable-KI-Unternehmen weltweit gehören.

Er macht klare Ansagen, hat genaue Vorstellungen, wie sein Unternehmen aussehen soll. Wie es wachsen soll. Was einen guten Gründer ausmacht. Er sieht seinen Weg und lässt keinen Zweifel daran, dass er ihn gehen kann – und wird. Dabei ist er alles andere als ein Draufgänger. „Ich bin mir sicher, dass alles, was ich mache, falsch ist“, sagt er. Frei nach Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Deshalb hat er sich einen Mentor gesucht, der weiß, wie man ein Start-up in einem Hightech-Umfeld aufzieht und an die Spitze bringt. „Ich wollte von anderen lernen, Fehler anderer vermeiden. Bei uns gilt der Spruch: Nichts für valide nehmen, alles hinterfragen“, so der 35-jährige. Scheitern und schnell dazulernen, das sei für ein Start-up existenziell.

Nur bei Standortwahl habe es nie einen Grund zum Zweifeln gegeben. „Warum sollen wir nach Berlin? Hier in Bremen ist der Nachwuchs da, es gibt eine super Universität und wissenschaftliche Institute, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Das ganze Technologie-Ökosystem ist hier!“
Der Grundstein ist gelegt – jetzt gilt es für Wearhealth, den Rest des Gebäudes hochzuziehen.

 

Manfred Peschka, 61, Purenum

Dr. Ingo Grunwald und Dipl.-Ing. Manfred Peschka
Dr. Ingo Grunwald (l.) und Dipl.-Ing. Manfred Peschka (r.), die Gründer der Purenum GmbH, mit einem Demonstrator des Nierensteinklebstoffes. © Fraunhofer IFAM

Wenn es stressig wird, tritt Manfred in die Pedale. Sein Rennrad ist Stressbewältiger, im Bremer Blockland lässt er Dampf ab. Dabei könnte man meinen, jemand wie er könne gar kein Stress haben – ein jugendliches Grinsen um die Lippen, 61 Jahre voller Lebenserfahrung. Zwei erfolgreiche Unternehmensgründungen hat er hinter sich. Aber von Ruhestand keine Spur: Peschka will es nochmal wissen, will mit Purenum durchstarten und Klebstoffe entwickeln, die mehr können als bisher.

Warum tut er sich das an? „Ich brenne dafür!“, sagt er, er weiß, wie gut seine Idee ist. Eine gewaltige Herausforderung, auch auf menschlicher Ebene. Denn zwischen Idee und Markteintritt werden mindestens neun Jahre vergehen, davon vier als selbstständiger Unternehmer. Medizinprodukte brauchen lange, bis sie zugelassen sind.

Zwischenzeitlich arbeiteten sechs Personen an Purenum, doch das Umschiffen der finanziellen und organisatorischen Klippen verkleinerte das Team. „Ich war mehrfach an einem Punkt, an dem ich mir die Frage gestellt habe, ob es das alles wert sei. Ich habe mir nächtelang Sorgen gemacht“, gibt Peschka zu. Die Investorensuche glich einer emotionalen Achterbahnfahrt, erinnert er sich heute. Zur Neige gehende finanzielle Mittel erzeugten einen immensen Druck. Aber seine Vision ließ ihn nicht locker – und seine Familie bestärkt ihn damals. Daraus zog er Energie, weiterzumachen. Und Investoren fand er dann auch.

Jungen Gründerinnen und Gründern rät er, genügend Zeit einzuplanen, denn alles dauere länger, als gedacht. Es sei wichtig, Ausdauer zu entwickeln, auch wenn die Zeiten dunkel werden.

An Bremen liebt er die Infrastruktur. „Es gibt hier ein funktionierendes System mit vielen Ansprechpartnern. Innovative Technologie-Start-ups können von vielen Förderungen profitieren, alles ist nahe beieinander“, so der Ingenieur.

 

Imke Hanscomb, 26, und Yanna Hanscomb, 27, Tizz & Tonic

Imke und Yanna Hascomb
Imke und Yanna Hascomb – Mode aus Bremen © Tizz&Tonic

„Wir entdeckten unsere Wurzeln hier in Bremen“, entgegnen die beiden Schwestern Imke und Yanna Hanscomb auf die Frage, was sie nach Bremen verschlagen habe. Geboren und aufgewachsen sind sie in der Kleinstadt Elora in Kanada. Ihre Mutter, eine Deutsche aus Münster, traf damals während eines Auslandsjahres in Kanada auf ihren Vater, einen Engländer – beide blieben.

Nach Bremen brachte Imke der Zufall. Ihr Interesse gilt der Mode. Kein Wunder – die Eltern sind selbst Künstler und haben ihr Atelier im Keller. „Wenn wir uns kreativ ausleben wollten, konnten wir immer in den Keller gehen und unserer Kreativität freien Lauf lassen“, erinnert sich Yanna.

Imke entschloss sich früh zur Selbstständigkeit: Bereits während der High School gründete die damals 16-Jährige ihr eigenes Modelabel „Johnnywishes“. Drei Jahre später ließ sie es zurück, um in Toronto Modedesign mit dem Schwerpunkt Dessous zu studieren. „Das Studium hat mir gezeigt, wie man es ‚normalerweise‘ machen soll – das Konzipieren, Nähen und Schneidern“, erinnert sich Imke. „Ich hatte mir vorher alles selbst beigebracht und das Studium schränkte mich sehr ein.“

Einige Gelegenheitsjobs und Reisen später, landete Imke in Bremen. Ein neuer Ort zum Ankommen – und Gründen? An Bremen liebe sie die große kreative Szene, so Imke, als Modedesigner finde sie dort Anschluss – und Inspiration. Warum es also nicht hier noch einmal mit der Selbstständigkeit versuchen? Sie fragte ihre Schwester Yanna um Rat, die gerade für ein Auslandssemester in Spanien lebte. Die Idee, nachhaltige Unterwäsche zu produzieren, gefiel Yanna so gut, dass sie zu ihrer Schwester an die Weser zog. Zusammen gründeten sie im März 2017 das Label „Tizz & Tonic“.

Seit dem Frühjahr 2018 nähen und verkaufen sie ihre Dessous in einem Pop-up-Store in der Bremer Innenstadt.

Das größte Hindernis für die beiden war die Sprache. „Die Leute hier sind aufgeschlossen und freundlich, aber nur mit Englisch kommt man hier nicht sehr weit“, so Yanna. Trotzdem war es für sie die richtige Entscheidung, hier ihr Start-up zu gründen. „Wir haben die richtigen Leute zur richtigen Zeit kennengelernt und viele Tipps bekommen“, sagt Imke. Beide nehmen Sprachkurse um diese Hürde zu überwinden. Und ihre Mutter freut sich, zweimal im Jahr ihre Töchter und ihre Heimat besuchen zu können.

 

Elaad Yaacov, 36, TonePedia

Tonepedia Webplayer
Online Effektgeräte und Instrumente testen: Das kann der Tonepedia Player © Starthaus/Jann Raveling

Einer mit Musik im Blut. Elad Yaacov ist Profimusiker – und Gründer. Der Gitarrist stammt aus Israel, nach Bremen hat ihn der Zufall verschlagen. Während einer Bahnfahrt im Norden Deutschlands traf er auf Mitgründer Hajo Hajo. Der Keyboarder fand sofort eine gemeinsame Sprache mit dem Israeli – „Als wir aus der Bahn aussteigen mussten, war es, als würden wir uns schon jahrelang kennen. Unsere Interessen und Fähigkeiten passen perfekt zusammen“, erinnert sich Hajo im Rückblick.

Dass es sie dann ausgerechnet nach Bremen verschlug, hat gute Gründe. Hier fanden sie Investoren und die passende Atmosphäre, um ihre Ideen zu verwirklichen. „Ich mag die Bremerinnen und Bremer. Sie sind direkt, bodenständig und immer auf Augenhöhe. Die kleine Startup-Szene ist sehr enthusiastisch und hält zusammen. In Berlin und München wäre das anders, die Städte sind überlaufen“, sagt Yaacov, der seit anderthalb Jahren in der Hansestadt wohnt.

Besonders die historische Altstadt gefällt ihm, der Gründergeist der Hanse, der durch die Jahrhunderte weht. Sein Start-up Tonepedia sorgt ebenfalls für Wirbel, aber in der Musikbranche: Tonepedia ist ein Webdienst, mit dem es möglich ist, sich den Sound von Instrumenten, Effektgeräten und Verstärkern online anzuhören und zu vergleichen. Musikinstrumentenhersteller und -Händler setzen auf die Bremer Software, der Webplayer erhöht die Verweildauer und senkt die Retourenrate, denn Musikerinnen und Musiker bestellen nicht mehr auf gut Glück.

Mit einem neuen Produkt den Markt zu erobern, sei die größte Schwierigkeit im Start-up-Business, sagt er. Wer selbst mit einem Unternehmen an den Start geht, dem rät er zu viel Durchhaltevermögen. „In einem Start-up zu arbeiten ist aufregend, aber auch fordernd. Nicht jeder ist dafür gemacht, man braucht viel Energie. Das ist nicht jedem bewusst – auch wenn es in der Bremen Gründerszene viele motivierte Menschen gibt.“


Schreiben Sie uns gern eine Mail an info@starthaus-bremen.de oder rufen Sie uns unter +49 (0)421 9600 372 an, wenn Sie Fragen zu Ihrer Gründung(sidee) haben. Wir haben die Antworten.

 

Bild oben: Marktplatz und City – Blick vom St. Petri Dom © Ingrid Krause / BTZ Bremer Touristik-Zentrale